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Windel adieu

FamiLIEnleBEn
Veröffentlicht von in Entwicklung · 28 März 2015
Lauscht man den Worten seiner Eltern bzw. Großeltern, waren wir als Kinder alle im Durchschnitt mit 1 bis 1 ½ Jahren trocken. Warum werden dann unsere Kinder nicht genauso in diesem Zeitraum sauber – soll sich in den letzten 20 bis 30 Jahren die Anatomie des Menschen geändert haben oder sind wirklich die neumodischen „Wegwerfwindeln“ schuld? Diese Frage stellen sich Eltern immer wieder und rätseln warum ihr kleiner Spross mit 1 ½ Jahren noch nicht ohne Windel ist.

Vor einigen Monaten bekam ich von einer lieben Mutter, welche ich begleiten durfte, ein Buch geschenkt – „Unser Kind“ von Dr. med. Mirka Klimova-Fügnerova aus dem Jahre 1967. Durch die immer wiederkehrende Frage: “Was machen wir als Eltern „falsch“, wenn unsere Kinder (zum festgelegten Zeitpunkt unseres Umfelds) immer noch nicht sauber sind?“, schlug ich neugierig das Buch auf, um zu sehen, was im Jahre 1967 zum Thema „Sauberkeitserziehung“ empfohlen wurde ….

Schaut einmal, was ich dazu gefunden habe:

Angefangen mit Sätzen wie auf Seite 348:

„Am Ende des 1. Jahres soll das Kind schon soweit erzogen sein, das es sich selbst zum Stuhlgang meldet. Die Gewohnheit, auf das Töpfchen zu gehen, soll fest entwickelt sein, und der Stuhlgang soll täglich und immer zur gleichen Zeit eintreten“ (dort musste ich ein wenig schmunzeln – die Betonung liegt auf täglich und immer zu gleichen Zeit!)

Geht es weiter mit Sätzen auf Seite 349:

„Setzen Sie es regelmäßig jede Stunde – wenn es nicht gerade schläft – auf das Töpfchen, und fordern Sie es auf, Wasser zu lassen.“ ….
„Die Mutter muss dem Kinde nur richtig erklären, dass sie von ihm erwartet, dass es seinen schönen Schlüpfer nicht nass macht, damit er den ganzen Tag über trocken bleibt.“

Und zu guter Letzt gibt es noch einen schönen Absatz, der lautet:

„Vielleicht würden viele Mütter an Stelle dieser mühseligen Erziehungsmaßnahme an ihrem Kinde lieber weiterhin Windeln sehen. Das wäre möglicherweise bequemer; aber dann darf sich eine solche Mutter nicht wundern, wenn ihr Kind bis zum Alter von 3 bis 4 Jahren noch nass macht und wenn schließlich auch noch im fortgeschrittenen Alter die Gewohnheit des Bettnässens bei ihm auftritt.“

Also doch alles eine Frage der Erziehung?????

Nach diesen Sätzen müsste ich als Mutter ein ganz schlechtes Gewissen bekommen, denn schließlich hatte ich diese Methode (wie beschrieben) nicht so angewendet und trotzdem haben sich meine Kinder spätestens mit 2 ½ Jahren selbst von der Windel verabschiedet. Zum Glück wurden in den letzten 10 bis 20 Jahren in den Bereichen Kinderphysiologe und –psychologie viel erforscht und erstaunliche Erkenntnisse gewonnen.

So spricht man heutzutage nicht mehr von Sauberkeitserziehung sondern eher vom achtsamen Wahrnehmen des Sauberkeitsbedürfnisses, welches jedes Kind von Anfang an hat. Viele Mütter praktizieren z.B. ab dem 4. Lebensmonat (teilweise auch schon nach der Geburt) die Methode „Windelfrei“ (wobei windelfrei nicht bedeutet, dass die Babys ohne Windel sind). Somit ist das Ziel der Methode nicht das schnellstmögliche Sauberwerden des Babys, sondern die intensive kommunikative Verbindung zwischen Kind und Eltern und die damit verbundene Stärkung der Eltern-Kind-Bindung. Als Grundlage dienen Beobachtungen z.B. aus Afrika - denn hier tragen Mütter Tag und Nacht ihre nackten Kinder dicht am Körper. Damit die Mütter nicht beschmutzt werden, hat die Natur einen Schutzmechanismus eingerichtet – der Säugling stößt direkt vor der Ausscheidung einen kurzen Schrei aus und vollzieht mit seinen Armen und Beinen ruckartige Bewegungen. Damit weißt die Mutter, dass sie ihr Baby von sich weghalten muss, wenn sie nicht benässt werden möchte. Wird auf dieses Verhalten nicht näher eingegangen, verliert sich dieses Phänomen meist nach einigen Wochen (wobei manche Kinder typische Verhaltensmuster vor dem Ausscheiden beibehalten). Nähere Informationen erhaltet Ihr z.B. unter: www.babysohnewindeln.de oder www.rabeneltern.org/index.php/wissenswertes/mit-und-ohne-windeln-wissenswertes/1334-babys-brauchen-keine-windeln .

Da diese Methode für viele Eltern nicht praktizierbar bzw. vollstellbar ist, fangen die meisten mit dem achtsamen Sauberkeitsbedürfnis meist nach dem 1. Lebensjahr bzw. im 2. Lebensjahr an. Zunehmend mehr signalisiert das Kind, dass es von allein sauber und trocken werden möchte (Entwicklungsprozess) Das Kontrollieren von Urin und Stuhl (auch Anhalten) kann somit erst erfolgen, wenn das Kind diese Dinge bewusst wahrnehmen kann.

Doch wie kann ich als Elternteil dieses bewusste Wahrnehmen fördern?

Achte auf die Signale deines Kindes!

  • versuche auf die Zeichen deines Kindes zu achten, denn wenn es Harn- oder Stuhldrang empfindet, drückt es für sich typische Signale aus wie z.B. Körperschütteln, Gesichtverziehen etc.
  • setze dein Kind (ohne Druck) auszuüben auf einen leicht zu händelbaren Topf
  • das Kind darf jeder Zeit wieder aufstehen und muss nicht sitzen bleiben
  • stelle Dich auf den Rhythmus Deines Kindes ein

Sei ein Vorbild!

  • wenn es dich nicht stört, nehme dein Kind mit auf deinen Toilettengang (Kinder sind immer bestrebt ihren Eltern nachzueifern)

Fördere die Selbstständigkeit deines Kindes!

  • akzeptiere, wenn dein Kind nicht mehr auf dem Töpfchen sitzenbleiben möchte oder wenn es lieber auf die Toilette gehen will
  • dein Kind sollte möglichst ohne fremde Hilfe auf den Topf gehen können, d.h. achte auf entsprechende Kleidung (Hose mit elastischen Bund, Hemd und Unterhose) und auf den ungehinderten Zugang zum Topf oder zur Toilette (Topf sollte möglichst auf der Erde stehen, Toilette sollte z.B. durch einen Toilettentrainer allein benutzt werden können)

Wie Du zusätzlich unterstützen kannst?

  • wenn Du magst, kannst du dein Kleines im Sommer nackt im Garten spielen lassen, wenn es „loslegt“, kannst du es schnell aufs Töpfchen setzten und positiv kommentieren
  • viele Eltern setzen ihre Kinder zu regelmäßigen Zeiten (nach dem Schlafen usw.) aufs Töpfchen bzw. auf die Toilette (ohne Zwang!!!)
  • eine „erfolgreiche Sitzung“ kann mit viel „TamTam“ gefeiert werden

Was Du auf keinen Fall praktizieren solltest!

  • das Kind auf den Topf setzen, solange es noch nicht selbstständig sitzen kann
  • Einschränkung der Flüssigkeitszufuhr
  • Aufstellen eines Trinkverbotes ab einer bestimmten Uhrzeit
  • nächtliches Wecken, um es auf den Topf zu setzen (der Körper gewöhnt sich daran)
  • Einsatz von Medikamenten
  • Druck und Zwang, damit das Kind auf den Topf oder auf die Toilette geht oder sitzenbleibt
  • Herauszögern des Sitzens auf der Toilette / Topf durch die Zugabe von Spielzeug etc.
  • Bestrafen für eine nasse Hose

Zusätzliche Informationen

  • eine vollständige Blasen- bzw. Darmkontrolle entwickelt sich bei den meisten Kinder im 3. Lebensjahr.
  • tagsüber sind die Kinder schneller trocken als nachts
  • als kritisch wird medizinisch Einnässen erst nach dem 5. Lebensjahr gesehen
  • einige Kinder sind „trocken“, können aber den Stuhlgang nur mit einer Windel absolvieren (das ist nicht weiter tragisch – manche Kinder haben Angst ihr kostbares Hab und Gut in die Toilette fallen zu lassen und können nur mit einer Windel; versuche dann ganz gelassen und ruhig mit dem Thema umzugehen – es erledigt sich dann meist von selbst
  • sollte dein Kind auf einmal wieder einnässen, kannst es auf plötzliche Angst und Sorge (Scheidung/Trennung, Tod, Umzug, Stress im Kindergarten etc.) hindeuten, da die Blase einen starken Bezug auf diese Emotionen hat
  • wird nicht genügend auf das Sauberkeitsbedürfnis des Kindes eingegangen, kann das Kind sich an die Windeln gewöhnen, d.h. es wird zunehmend schwerer, dass Kind von der Windel zu entwöhnen
  • eine Zürcher Langzeitstudie von 1954 bis 2004 (siehe auch http://idcmskispi.uzh.ch/lenya/kispi/live/Kinderspital/Medizin/Medizin/AWE/Publikationen/Artikel_3.pdf zeigt, dass Kinder vor 60 Jahren nicht schneller trockener geworden sind als heute (obwohl der Aufwand und der Beginn innerhalb dieser 60 Jahren komplett verschieden waren, ist der Großteil aller Kinder zum gleichen Zeitpunkt sauber gewesen)

Was habt Ihr für Erfahrung beim "Sauberwerden" mit Euren Kindern gemacht? Vielleicht kennt Ihr auch eine tolle Anregung, die Ihr uns erzählen wollt?

Ich wünsche Euch eine wundervolle Zeit mit Euren Kindern – egal ob mit oder ohne Windel

Eure Sabine

PS. Bitte denkt immer daran: "Wer sich gedulden kann, hat sein Ziel schon halb erreicht." aus Belgien





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