Familienalltag - FamiLIEnleBEn

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Es ist doch alles gut

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Herausgegeben von in Geburt ·
Wie sehr freue ich mich, wenn ich bekannte Gesichter aus meinen Geburtsvorbereitungskursen in Rückbildungsgymnastik, Babymassage oder FABEL-Kurse wiedersehe. Und da ich neugierig bin (und es auch sehr wichtig finde), reden wir zu Beginn des jeweiligen Kurses über die Geburt des eigenen Kindes und die Gefühle, die während und nach der Geburt entstanden sind.

Leider erleben viele Frauen (und auch Väter) ihre Geburt ihres Babys als absolutes Fiasko – als Trauma, welches sie noch eine Weile begleiten sollte. Das berührt mich immer sehr – versuche ich doch die werdenden Eltern in der Geburtsvorbereitung auf das Abenteuer „Geburt“ optimal einzustimmen, damit die Familien die Geburt wie das kraftvolle Besteigen eines Berges erleben können und auch so in Erinnerung behalten.


In einem Kurs habe ich eine liebevolle Mutter kennenlernen dürfen, die mich ganz besonders mit ihrem Geburtserleben berührt hat. Ich bat sie, ihre Gefühle und Gedanken einmal niederzuschreiben. Da diese Gefühle, z.B. „versagt zu haben“ - oft noch tabuisiert werden, finde ich besonders wichtig, dass auch andere Mütter sehen bzw. lesen können, dass es anderen Frauen ebenso eventuell erging und so bekam ich von ihr das Einverständnis, ihre Zeilen Euch aufzuschreiben.

„Es ist doch alles gut!?“

Der erste Schrei meines Sohnes klang wie Musik in meinen Ohren. Ich war erleichtert -endlich ist er da. Ich konnte es kaum erwarten, ihn das erste Mal zu sehen.

Doch was war los mit mir? Ich lag festgeschnallt auf einem OP-Tisch. Ich konnte ihn nicht halten, nicht anfassen, nicht fühlen. Das Ende der Geburt verlief überhaupt nicht so, wie ich es mir immer vorgestellt habe. Was war passiert?

Die Ärzte im Krankenhaus machten mir 4 Tage nach dem eigentlich errechneten Termin klar, dass ich ein großes Kind erwarte. Doch, das wurde mir während der ganzen Schwangerschaft schon gesagt, sodass es für mich nichts Besorgniserregendes war. Allerdings änderte sich dies mit dem Vorgespräch im Krankenhaus. Die Ärztin meinte zu mir, ich hätte folgende Möglichkeit: Ich könnte gleich einen Termin für einen Kaiserschnitt vereinbaren oder es wird am nächsten Tag eingeleitet. Sie klärte mich lediglich über die RISIKIEN einer vaginalen Geburt auf, nicht aber über die eines Kaiserschnittes (dies ist mir erst viel später nach der Geburt aufgefallen, dass ich hier nicht aufgeklärt wurde). Ich entschied mich trotz der Einschüchterung der Ärztin für eine normale Geburt - mit Einleitung (jetzt weiß ich, dass die Einleitung schon ein Fehler war).

Am nächsten Tag wurde dann eingeleitet und ziemlich schnell wirkten die Tabletten. Ich lief auf und ab und atmete die Wehen gut weg. Mir ging es den Umständen entsprechend gut, irgendwann wurde entschieden, dass eine PDA sinnvoll wäre. Die Worte der Ärztin werde ich nie vergessen: Wir legen jetzt eine PDA, falls es doch zum Kaiserschnitt kommt. Wie jetzt Kaiserschnitt? Das wollte ich doch nicht. Von der Hebamme hörte ich immer nur, das Köpfchen rutscht nicht tiefer. Im Nachhinein weiß ich, dass es auch gar nicht möglich war, schließlich war ich durch die PDA lahmgelegt, konnte nicht mehr rumlaufen bzw. versuchen, dass der Kopf meines Sohnes nochmal aus dem Becken rausrutscht und er sich neu einstellt. Wenn ich so zurückblicke, frage ich mich, ob die PDA wirklich von Nöten war? Eine gute Sache hatte sie trotzdem: ich konnte den ersten Schrei meines Sohnes hören, und musste nicht unter Vollnarkose gelegt werden, da die PDA nur noch „aufgespritzt“ werden musste, als die Ärzte sich für den Kaiserschnitt entschieden haben. Nach 12h Wehen und kompletter Muttermundöffnung wollte mein Sohn dennoch nicht auf natürlichem Weg das Licht der Welt erblicken.

Ich war erleichtert, dass er jetzt endlich kommen würde. Hoffte ihn bald sehen und spüren zu können. Die OP verlief gut, doch was danach geschah: so stellte ich mir das Ganze nicht vor. Ich wollte ihn doch immer nackt auf meine Brust gelegt bekommen, ich wollte ihn halten und mit ihm kuscheln. Doch die Hebamme zeigte ihn mir kurz nach dem er auf die Welt geholt wurde. Ich durfte meinem Sohn einen Kuss auf die Wange geben. Er sah so friedlich aus, ganz sauber nur ein kleiner Blutfleck war auf seiner Wange zu sehen. Nun war er da, aber ich war nicht bei ihm. Ich wurde zu genäht und anschließend aus dem OP in den Flur geschoben. Wie ich sehnsüchtig auf meinen Kleinen gewartet habe… Alles war gut mit ihm - gesund und munter. Die 12h Wehen hat er gut überstanden, bis er dann doch per Kaiserschnitt geholt wurde. Ja, er wurde geholt. Nicht ich hab ihn geboren, er wurde geholt. Im Nachhinein frage ich mich, ob er überhaupt schon bereit war auf diese Welt zu kommen, denn schließlich durfte er es sich nicht aussuchen, wann es losgeht. Ich durfte ihn endlich halten, küssen, ansehen.

Doch was passierte jetzt? Ich musste ihn wieder abgeben, wurde von ihm weggeschoben, musste Stockwerke tiefer in einen Aufwachraum, zwischen frisch Operierten, die rumschrien. Ich war zu schwach um nachzufragen, was das überhaupt soll, wieso ich nicht bei meinem Sohn sein kann? Jetzt ärgere ich mich darüber, dass ich die Kraft dazu nicht hatte. Ich musste eine gefühlte Ewigkeit (ca. 2h) in diesem Aufwachraum verharren, während mein Mann mit unserem Sohn schon kuscheln konnte. Ich konnte mich nicht ausruhen, starrte nur auf diese Uhr und fragte mich, wann darf ich wieder zu ihm?
Endlich war es soweit und ich wurde in mein Zimmer gebracht, wo mein Mann und Sohn  bereits auf mich warteten. Da war er nun. Friedlich lag er in seinem Bettchen und schlief. Ich schaute ihn stundenlang an. Manchmal frage ich mich jetzt: wieso ich ihn nicht aus seinem Bett genommen habe, ihn nackt auf meinem Körper gelegt habe. Wahrscheinlich war ich einfach nur kaputt von der OP und ich konnte nicht mehr klar denken.

Trotz Kaiserschnitt stillte ich ihn (5 Monate voll und mit 15 Monaten stillten wir ab). Wir hatten zwar kleine Anfangsschwierigkeiten, aber wir spielten uns gut ein. Zuhause kuschelten wir viel und lernten uns kennen.

Doch irgendwann kam der Gedanke in mir auf: warum musste er per Kaiserschnitt geholt werden? Ich war unendlich traurig, dass ich diese Erfahrung einer vaginalen Geburt nicht erleben durfte und mein Sohn einfach aus meinem Bauch gerissen wurde. Die Worte aus dem Familien- und Bekanntenkreis „Sei doch froh, dass ihr beide gesund seid!“ halfen mir nicht und machten mich immer trauriger, weil sie mich einfach nicht verstanden. Ich recherchierte viel im Internet und war erstaunt, wie viele Mama‘s es gibt, die den gleichen Gedanken haben/hatte: sich als Versagerin zu fühlen. Wir tauschten in Foren unsere Gefühle und Gedanken aus. Schließlich forderte ich den Geburtsbericht aus der Klinik an und beschwerte mich über die Verfahrensweise mit Kaiserschnittmüttern nach der Geburt. Als Antwort erhielt ich: Das es zu diesem Zeitpunkt nicht genügend Kapazitäten gab, mich im Kreissaal betreuen zu können. Mittlerweile habe man dies geändert und die Mütter werden mit ihren Kindern zusammen überwacht.

Diese Antwort tat mir so weh. Denn ich wurde von meinem Sohn getrennt und wenn ich diese Zeilen hier schreibe, fühlt es sich noch genauso schlimm an.

Auch stellte sich mir die Frage: war dieser Kaiserschnitt wirklich nötig? Mein Gefühl sagt: NEIN! Aber ich hatte nicht die richtige Betreuung während der Geburt. Denn letztendlich hatte ich schon von den Ärzten und Hebammen einen Zettel auf der Stirn: Kaiserschnitt - zu großes Kind.

Das Buch: Meine Wunschgeburt nach Kaiserschnitt  von Ute Taschner und Kathrin Scheck  half mir ungemein, meine Erfahrung mit dem Kaiserschnitt zu verarbeiten, es anzunehmen und mich irgendwann auf eine hoffentlich neue Schwangerschaft und Geburt vorzubereiten. Mein größter Wunsch ist es, ein Kind auf dem normalen Weg zu bekommen. Ich weiß, dass es viele Kaiserschnittmama’s gibt, die es geschafft haben nach der Sectio vaginal zu gebären und das macht mir Mut!

Vielen Dank liebe Franzi, dass Du uns an Deiner Geburt teilhaben lässt und ich hoffe, dass noch mehr Frauen den Mut finden, offen über Ihr Schicksal zu reden. Ihr seid nicht allein!!!

In Deutschland haben wir zurzeit eine Kaiserschnittrate von ca. 31 % und nicht jede Frau empfindet ihren Kaiserschnitt als negatives Erlebnis. Doch wenn die operative Geburt noch seelisch lange schmerzt und die Frauen sich in ihren Körpern nicht mehr wohlfühlen, können Worte und Sätze, wie „Sei doch froh, dass dein Kind lebst!“ oder „Dann musstest du nicht wenigstens 30 Stunden in den Wehen liegen!“ das Gefühl des Versagens noch mehr verstärken. Sie fühlen sich überhaupt nicht verstanden, in ihren Empfindungen nicht wahrgenommen und brauchen eine besondere emotionale Begleitung, die ihnen hilft, das Erlebte zu verarbeiten. Denn auch wenn die körperliche Narbe verheilt ist, schmerzt die Erinnerung an den Kaiserschnitt sehr.

Da viele Frauen ihr Trauma oder ihre Trauer nicht verarbeiten, nehmen sie diese eventuell mit in weitere Schwangerschaften/Geburten, welche dann auch vielleicht wieder traumatisch enden. Deshalb ist es besonders wichtig, dass betroffene Frauen sich Hilfe und Unterstützung suchen, um sich mit ihrer Geburt auseinandersetzen zu können.

Habt Ihr leider keine Unterstützung bekommen können, schaut Euch einmal in Eurer Gegend um – vielleicht gibt es eine Gruppe von betroffenen Eltern, die sich regelmäßig treffen und austauschen?! Auch im Internet könnt Ihr interessante Artikel und/oder Adressen finden, z.B.:

www.kaiserschnittstelle.de - Initiative zur Vorbeugung und Aufarbeitung von traumatisch erlebten Geburten

Es gibt auch hilfreiche Bücher zu dem Thema „Kaiserschnitt“. Ich empfehle sehr gern folgende Bücher:

„Kaiserschnitt und Kaiserschnittmütter“ von Brigitte Meissner
„Kaiserschnitt. Wie Narben an Bauch und Seele heilen können“ von  Theresia Maria de Jong
„Der Kaiserschnitt hat kein Gesicht“ von Caroline Oblasser und Ulrike Ebner

Und auch das Buch „Meine Wunschgeburt nach Kaiserschnitt“  von Ute Taschner und Kathrin Scheck, welches Euch Franzi empfohlen hat, steht auf meiner Literaturliste.

Wenn ich Franzi´s Zeilen lese, bin ich so froh, eine (fast) selbstbestimmte Geburt erleben zu dürfen und wünsche es  von ganzem Herzen jeder Frau/jeder Familie!!!!

Damit wir Frauen in einem geschützen Rahmen bei einer weiteren Schwangerschaft gut begleiten können, gibt es bei uns in der Praxis das Angebot "Geburtsvorbereitung nach einer traumatischen Geburt oder Verlus eines Kindes". Dieser Kurs wird von Hannah Elsche und mir durchgeführt. Weiterhin bietet Hannah auch durch ihr Angebot "Kunsttherapeutische Entspannung nach der Geburt" eine Möglichkeit der Verarbeitung des Erlebten.

Eure Sabine

PS. Jedes Jahr im November legen weltweit Frauen eine rosafarbene Rose vor ihrer Kreissaaltür, um ihren Protest zu zeigen, wenn sie keine selbstbestimmte Geburt erleben durften.




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