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Still und leise geboren

FamiLIEnleBEn
Veröffentlicht von in Schwangerschaft · 14 Dezember 2014
Vor einigen Wochen lernte ich eine wundervolle Mutter kennen. Sie erzählte mir von ihrer Sternenkindgeburt. Ich ermutigte sie, ihre Gedanken niederzuschreiben. Diese Worte durfte ich als Erste lesen und sie berühren mich tief im Innersten. Ich bekam von ihr die Erlaubnis, ihre Erinnerung in dieses Forum zu schreiben. Und so möchte ich ihr von ganzem Herzen dafür danken, dass sie uns an ihrem Schmerz teilhaben lässt, denn ich finde, dass das Thema "Fehl- und Totgeburt" kaum thematisiert wird.



Ich bin schwanger – jubelte es in mir. Diese Zeit der Schwangerschaft war für mich das Schönste und Hoffnungsvollste, was ich bisher erleben durfte. Ich genoss jeden Tag und bereitete mich aufs „Mama werden“ vor.

Doch dann kam der schlimmste Tag in meinem Leben auf uns zu.

Eines Morgens bekam ich ein ungutes Gefühl. Ich rief meine Frauenärztin an und wollte gern einen Termin bei ihr haben. Doch sie beruhigte mich mit den Worten, dass meine Ängste ganz normal wären und ich mir keine Sorgen machen soll. Und so nahm ich ihre Worte hin - das ungute Gefühl blieb.

Zu diesem Zeitpunkt befand ich mich in der 36. Schwangerschaftswoche. Seit Wochen konnte ich die Bewegungen meines Kindes spüren und genießen. Nicht so an diesem Tag – die Bewegungen waren verhalten und kaum wahrzunehmen. Nach dem Telefonat beschloss ich mich zu beruhigen und gestaltete meinen Tag wie die Tage zuvor auch. Aber alles in mir wirkte automatisch. Was war anders, was war los mit mir? 

Jetzt viele Jahre später weiß ich es … Die abnehmenden Bewegungen meines Kindes waren ein Hilferuf und ich hatte ihn nicht erhört.

Am nächsten Tag brachte mein Partner mich wieder zur Besinnung. „Wenn Du ein ungutes Gefühl hast, lass uns in die Klinik fahren“ sprach er zu mir. Und so fuhren wir in die Klinik, die ich für die Geburt unseres Kindes gewählt hatte. Auf der Fahrt dorthin schwiegen wir beide und hörten den Regen, der aufs Auto prasselte.

Im Krankenhaus angekommen, mussten wir in die Notaufnahme. Dort warteten wir Stunden, bevor wir endlich rankamen. Eine junge Assistenzärztin lächelte uns mit den Worten: „Sie sind nicht die erste Schwangere, die aus Sorgen hierher kommt“ an. Sie überzog den Ultraschallstab mit dem Gel und legte ihn auf meinen Bauch. Das ungute Gefühl wurde stärker. Nach einer Weile veränderte sich ihre freundliche Mimik und hastig sprach sie zu uns: „Ich bin mir nicht ganz sicher und muss den Oberarzt holen.“ Zurück blieben wir – ganz allein. Nach einer gefühlten Viertelstunde kam endlich der Oberarzt. Ernst und verhalten – er sprach kaum mit uns, führte die Bewegung des Ultraschallkopfes routiniert und automatisch aus. „Sie können sich wieder anziehen“ sprach er zu uns. „Und was ist mit meinem Kind?“ brach es aus mir heraus. „Das werde ich ihnen gleich erklären, wenn sie wieder angezogen sind!“ waren seine Worte und verließ den Raum. Nachdem ich mich angezogen hatte, führte mich die junge Ärztin in den Nachbarraum. Dort wartete schon der Oberarzt auf uns. „Ich muss ihnen leider mitteilen, dass ihr Kind nicht mehr lebt!“ sprach er die Worte, die wie eine geballte Faust auf mich prallte. „Wir werden jetzt alles für die Geburt vorbereiten.“ waren die letzten Worte, die ich bewusst wahrnahm. Mein Kind lebt nicht mehr?! Ich war wie Trance und wollte nur noch weg. Weg aus diesem Raum, aus dieser Klinik in mein sicheres Zuhause. Dort wo alles auf unser Baby wartete. 

Dann ging alles schnell. Ich wurde auf eine Liege in den Kreißsaal gebracht. Dort warteten eine Ärztin und eine Hebamme auf mich. Die Ärztin führte mit uns ein Aufklärungsgespräch, was uns nach der Geburt erwartet. Sie wollte von mir eine Unterschrift, um mich an den Wehentropf zu hängen, damit die Geburt wehenfördernd unterstützt wird. Ich weigerte mich und wurde immer hysterischer. Schließlich gaben sie mir eine Beruhigungsspritze. Somit hatte ich diesen Kampf für mich verloren. Nach einiger Zeit spürte ich die ersten Wehen. Diesen körperlichen Schmerz konnte ich gut ertragen, doch der seelische Schmerz war nicht auszuhalten. Mein Partner blieb bei mir und half mir, diesen letzten Weg zu bestehen. 3 Stunden später war es dann soweit – unser Sohn wurde still geboren. In diesem Moment war ich voller Schmerz und wollte unser Baby, was wir uns so sehr gewünscht hatten, nicht sehen. Ich wollte ihn so in Erinnerung behalten, wie ich ihn bei der Feindiagnostik gesehen hatte. Die Trauer kam über mich, ich wollte mit meinen Partner allein sein und gemeinsam mit ihm trauern. Aber dieses Recht gaben sie uns nicht. Nach der Geburt schoben sie mich schnell in den Op – ich weiß bis heute nicht warum? Langsam erwachte ich aus der Narkose. Während dieser Phase kann ich mich genau erinnern, wie ich in Gedanken entlang einer Baumallee Richtung Horizont spazierte und alles wahrnahm, was die Stunden vorher passiert war. Ich wachte auf – in der Hoffnung, vielleicht war es nur ein schlechter Traum?! Doch als ich meine Hände auf den Bauch legte und die Leere spürte, wusste ich, das war die Wirklichkeit. Mein Partner kam mich früh gleich besuchen. Und mit den Umarmungen ohne Worte wusste ich, ich bin nicht allein. Die Tage danach waren schrecklich. Aus beiden Brüsten lief die Milch und ich hatte kein Kind, was diese kostbare Flüssigkeit trinken konnte. Das Abstillmedikament, was Frauen nach einer Totgeburt bekommen, half nicht. Psychische Unterstützung gab es vom Krankenhaus überhaupt nicht. Und so waren wir allein mit unserem Schmerz. Hier konnte und wollte ich nicht bleiben. Ich entließ mich auf eigenen Wunsch nach Hause. Auch nach dem Krankenhaus erhielten wir keine Begleitung und keinen Beistand. Ich hatte zwar eine Hebamme, aber auch sie kam uns nicht besuchen, sondern versuchte uns nur am Telefon zu trösten. Wie gern hätte zu diesem Zeitpunkt eine Ansprechpartnerin gehabt, die meinen Mann und mich emotional unterstützt. Leider wusste ich damals nicht, dass auch Frauen, die eine stille Geburt erleben müssen, Anspruch auf Hebammenbegleitung haben, dann hätte ich mir eine andere Hebamme gesucht. Die Beerdigung – die Planung und deren Ablauf geschahen wie in einen Traum. Einen Albtraum aus dem man nicht mehr erwachte.

Die ersten Tagen und Wochen danach hatte ich Schuldgefühle und war ständig auf der Suche nach dem WARUM. Das WARUM hat keiner herausgefunden und erst viele Monate später begriff ich, dass mich keine Schuld traf, schließlich hatte ich meine Ärztin gefragt. Ich kämpfte mit einer unsagbaren Leere und mit einem Schmerz, der Tag und Nacht präsent war. Wie gerne hätte ich meinen Sohn doch in den Armen gehalten und seine Erinnerungen von ihm anschauen. Meine damalige Entscheidung, ihn nicht zu sehen, bereue ich jetzt sehr. Doch dieser Schritt war nicht mehr rückgängig zu machen – mein Partner hatte auf meinen Wunsch hin alles, was an diese Schwangerschaft und an die Geburt erinnerte, zerstört.

Inzwischen bin ich stolze Mutter von einem 2jährigen Sohn. Der Schmerz ist nicht mehr so gegenwärtig, aber ich merke, dass er sich wie eine Narbe in regelmäßigen Abständen meldet. Dann schaue ich in das Gesicht meines Sohnes und weiß, dass mein ältester Sohn als Sternenkind auf meinen Jüngeren aufpasst. 

Ich möchte Euch mit meiner Geschichte keine Angst machen und auch keinem die Schuld zuweisen. Vielmehr soll sie Euch stärken und bestätigen – hört auf Euer Bauchgefühl. Wenn Ihr das Gefühl habt, irgendetwas ist nicht in Ordnung, dann geht zu dem Arzt Eures Vertrauens und falls Euer Bauchgefühl immer noch keine Ruhe gibt, dann holt Euch lieber noch einen 2. Rat ein. 

Heute wäre mein Sohn 4 Jahre alt geworden, denn ich habe bewusst sein Geburtsdatum gewählt, um diese Zeilen zu schreiben. Ich liebe und vermisse ihn so sehr und werde ihn für immer in meinem Herzen bewahren.

H.




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