Familienalltag - FamiLIEnleBEn

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Der Weg durch den Irrgarten der Säuglingsnahrung

FamiLIEnleBEn
Veröffentlicht von in Ernährung · 24 Januar 2015
Ich mache mir öfter mal den Spaß in der Babyabteilung von Supermärkten und Drogerien zu flanieren. Warum ich das tue?  

Damit ich lebensmittel- und pflegetechnisch immer für Euch auf dem aktuellsten Stand bin. Schließlich hat die Industrie uns Eltern als Käufer entdeckt und so werden in regelmäßigen Abständen neue Produkte eingeführt, die verheißungsvoll verschiedene Dinge versprechen.

Aber gerade in der Babynahrung werden Lebensmittel angeboten, die meines Erachtens nicht gerade gesund sind und Ihr eigentlich nicht kaufen solltet. Und wollen wir Eltern nicht immer das Beste für unser Kind???

Selbstverständlich ist Stillen das Natürlichste für Mutter und Kind und als 
Stillberaterin versuche ich Frauen zu stärken und zu unterstützen, damit sie weiter stillen, aber manchmal treffen Mütter bewusst die Entscheidung, Säuglingsmilchnahrung einzusetzen. Und diese Entscheidung muss stets respektiert werden, denn schließlich sollte Stillen immer Lust bedeuten und nicht Frust. Möchte frau trotz Probleme gern weiterstillen und ist auf der Suche nach kompetentem Rat, empfehle ich unbedingt die Beratung einer StillberaterIn oder ihrer Hebamme. Adressen findet Ihr u.a. unter:


Entscheidet Ihr Euch gegen das Stillen, stehen Euch die verschiedensten Säuglingsnahrungen zur Verfügung. Weil ich weiß, wie schwer es als Elternteil ist, aus der riesigen Menge von Milchnahrungen fürs Baby das Richtige auszuwählen, möchte ich Euch heute, die unterschiedlichsten Nahrungen auflisten:

Anfangsmilch

PRE-Nahrung

• ist in der Herstellung der Muttermilch angenähert und enthält deshalb als einziges Kohlenhydrat – Laktose (Milchzucker)
• kann von Anfang an bis zum Ende der Milchnahrung gefüttert werden 
• die Kalorienzahl liegt wie bei der Muttermilch bei ca. 66 kcal/100 ml trinkfertiger Nahrung
• kann nach Bedarf gefüttert werden
• gibt es von vielen Anbietern inzwischen auch schon trinkfertig in einer Flasche oder einem Tetrapak

1er Nahrung

• kann wie die PRE-.Nahrung von Beginn bis Ende der Milchnahrung und nach Bedarf gegeben werden
• enthält zusätzlich leicht verdauliche Stärke und soll besser sättigen
• ist dadurch nicht mehr der Muttermilch ähnlich
• der Kaloriengehalt ist fast identisch der PRE-Nahrung

Vielen Eltern wird empfohlen auf die sämige 1er Nahrung umzusteigen, wenn das Baby vermehrt weint – in der Hoffnung, dass das Kind schneller und länger gesättigt ist. Bitte schaue genau nach, ob das gehäufte Weinen deines Kindes tatsächlich mit Hunger verbunden ist. Oft denken Eltern, dass Weinen gleich Hunger bedeutet. Das Weinen deines Kindes kann aber auch andere Ursachen, wie Entwicklungs- und Wachstumsschübe, Blockierungen und Verspannungen haben. In diesen Fällen kann ein Wechsel auf die 1er Nahrung (die weniger Ähnlichkeit mit der Muttermilch hat) kaum Abhilfe schaffen. 

Folgemilch (offiziell empfohlen, aber nicht notwendig, für Babys nach dem 6. bzw. 10. Lebensmonat)


2er Nahrung

• kann erst nach dem 6. Monat eingesetzt werden
• hat in der Regel mehr Eiweiß, Kohlenhydrate und Mineralstoffe und somit mit der Muttermilch keine Gemeinsamkeiten mehr
• wird laut Herstellerangaben in Kombination mit Brei oder Gläschen empfohlen – tatsächlich ist es empfehlenswert, dass der veränderte Nährstoffbedarf des Kindes über die Beikost erfolgt (wenn das Kind zu diesem Zeitpunkt schon isst)
• aufgrund der Eiweißmenge erst nach dem 6. Monat einsetzbar, da sonst der Stoffwechsel und die Nieren stark belastet werden können
• meist süßerer Geschmack als PRE bzw. 1er Nahrung
• darf nicht nach Bedarf gefüttert werden bzw. es muss sich genau an die Dosierungsangaben gehalten werden
• Kalorienzahl liegt je nach Anbieter bei 67 – 70 kcal/100 ml trinkfertiger Nahrung
• braucht die Saugergröße Nr. 2

3er Nahrung


• Einsatz erst nach dem 10. Monat
• siehe 2er Nahrung
• erhalten oft zusätzliche und unnötige Zuckerzusätze
• eventuell mit Aromen versetzt wie Vanille, Bananenaroma (prägen den späteren Geschmack) und können somit den Wechsel zu normaler Kuhmilch erschweren

Fazit

• empfehlenswert im 1. Lebensjahr wären die Gaben von PRE oder 1er Nahrung
• laut dem Netzwerk „Gesund ins Leben“ sind Folgenahrungen nicht notwendig – siehe dazu auch:
• zusätzlich gibt es auch Säuglingsnahrung, welche die Förderung des Durchschlafen (z.B. „Gute Nacht Fläschen“ von Hipp) durch langanhaltende Sättigung suggerieren soll - siehe auch dazu meinen Artikel „Fördert der Abendbrei das Durchschlafen?“
• diese sind grundsätzlich nicht zu empfehlen

HA (Hydrolysatnahrung)-Nahrung

• bedeutet hypoallergene (hypo=griech. unter) Nahrung
• ist für allergiegefährdete Kinder sinnvoll (ein Allergierisiko besteht, wenn mindestens ein Elternteil (oder ein Geschwisterkind) von einer Allergie betroffen sind oder waren
• Milcheiweiß wird so weit aufgespalten (hydrolisiert), dass der Körper es nicht mehr als Fremdkörper erkennt
• gibt es in unterschiedlicher Herstellungsweise: verschieden stark gespaltenes Molkeeiweiß und stark gespaltenes Casein 
• siehe auch GINI-Studie
• schmeckt bitterer als Mutter- und Anfangsmilch
• gibt es als Anfangs- und Folgemilch
• darf bei Kuhmilchallergie (auch bei Verdacht) nicht angewendet werden – Einsatz von Spezialnahrung
• HA-PRE-Nahrung auch von einigen Herstellern trinkfertig erhältlich 
• muss nach neusten Erkenntnissen zur Allergieprophylaxe nur bis zum 6. Lebensmonat eingesetzt werden bzw. bis zur Einführung der Beikost, d.h. wird Säuglingsmilchnahrung erst nach dem 4. bis 6. Lebensmonat eingeführt, kann die „normale“ PRE oder 1er Nahrung benutzt werden (Stillkinder lehnen oft HA-Nahrung ab, weil diese bitterer schmeckt)

Prä- und Probiotik


Präbiotik

• sollen durch Zugabe von Oligosaccharide aus Früchten/Gemüsen oder Milchzucker, die gesunde Darmflora fördern
• sind präbiotische unverdauliche Ballaststoffe; wenn Babys zu Verstopfung neigen, kann diese Nahrung hilfreich sein, da sie den Stuhl weicher machen
• Oligosaccharide regen das Wachsen nützlicher Keime im Darm an und unterstützen somit seine natürliche Funktion 
GOS = Galactooliosaccharide: Gewinnung aus Milchzucker (z.B. Hipp Combiotik)
FOS = Fructooliossacharide: Gewinnung aus Früchten oder Gemüse (Aptamil und Milumil) 
• leider kann noch keine Aussage dazu getroffen werden, ob durch die Gabe von Präbiotika tatsächlich Allergien vermieden werden können (vereinzelte Studien weisen zwar darauf hin, aber um dem Einsatz von Präbiotika wirklich zu empfehlen, werden noch bessere und längere Studien benötigt)

Probiotik

• sollte laut Deutscher Gesellschaft für Kinder- und Jugendärzte e.V. nicht bei Kinder eingesetzt werden, die Herzfehler, angeborene Abwehrschwäche, Kurzdarmsyndrom und liegende Katheder haben (es wurden nach der Gabe in einzelnen Fällen Infektionen und Bakteriämien = zahlreiches Vorhandensein von Bakterien im Blut beobachtet) 
• Zugabe von lebenden Bakterien und Hefen (z.B. Bifidusbakterien oder Lactobazillen) , die in einem gesunden Darm vorkommen
• bei gestillten Kindern entwickeln sich diese positiven Bakterien von allein
• wie bei Präbiotika gibt es erste Studien, die noch nicht aussagekräftig sind – anfängliche Ergebnisse vermuten, dass Präbiotika Allergien vorbeugen können und das Immunsystem stärken (derzeit wird keine vorbeugende Einnahme empfohlen)

Spezialnahrung (nur in Absprache mit dem Kinderarzt)


Bei Blähungen und Verstopfungen

• Blähungen hängen oft mit dem unreifen Verdauungstrakt und der noch teilweise nicht vorhandenen Verhaltensregulation des Babys zusammen (deshalb meist als „Dreimonatskolik“ bezeichnet, da mit zunehmenden Alters des Baby beides reift)
• unterstützend können u.a. sein: Massagen, Körperkontakt, Tragen
• normale Verdauung bei Flaschenkinder: bis zu 3mal großes Geschäft am Tag oder mindestens alle 3 Tage
• Verstopfungen können durch fehlerhafte Zubereitung der Flaschennahrung (z.B. zu viel Pulver) oder zusätzliches Andicken der Nahrung entstehen 
• Zusammensetzung je nach Hersteller: reduzierte Lactosegehalt (Milchzuckergehalt); aufgespaltenes Eiweiß; Zugabe von Präbiotik, leicht verdaulichem Fett, Omega 3 und 6 Fettsäuren und Milchsäurekulturen
• teilweise auch für allergiegefährdete Babys (z.B. BEBA Comfort, Hipp Comfort)
• da diese Spezialnahrungen nicht die Ursachen beheben, darf eine Anwendung nur in Absprache mit dem Kinderarzt erfolgen

Bei Aufstoßen und Spucken

• durch den kleinen Magen und nicht ausgereiften Verschluss des Mageneinganges spucken einige Babys nach den Mahlzeiten besonders viel (Achtung – kann auch ein Hinweis auf Verspannungen/Blockierungen sein!)
• Abhilfe können folgende Maßnahmen schaffen:
* kleinere Mahlzeiten – dafür öfter füttern
* nach der Mahlzeit wenn möglich gut aufstoßen lassen 
* wird das Baby hingelegt, ist es sinnvoll es auf die rechte Seite hinzulegen (damit wird weniger Druck auf dem Magen ausgeübt)
* Spucken wird durch halbaufrechtes Sitzen gefördert (zum Beispiel Babywippe, Autositzschale)
• wird von unterschiedlichen Herstellern produziert (auch verschiedene Zusammensetzungen, z.B. Zugabe von Johannisbrotkernmehl, Stärke)
• sollte unbedingt nur nach Rat vom Kinderarzt gegeben werden, da die dickere Milch durch das langsame Zurückfließen die Speiseröhre reizen kann
• gibt nur wenige Hersteller, die auch für allergiegefährdete Kinder geeignet sind (z.B. BEBA AR)

Bei Durchfall (Heilnahrung)

• es gibt unterschiedliche Ursachen für Durchfall und muss deshalb unbedingt vom Kinderarzt abgeklärt werden
• Zusammensetzung je nach Hersteller: lactosefrei (Milupa Milumil Heilnahrung) bzw. lactosereduziert (Humana HN); Zugabe von Präbiotik, Banane oder Karotte
• kann auch als Brei zubereitet werden

Kindermilch (nach dem 12. Lebensmonat)


Ich kann mich noch sehr gut an eine Werbung erinnern, wo ein Kleinkind mit einem riesengroßen Becher Milch in die Stube kam und eine Kommentatorin den Satz sagte: „So viel Milch müsste Ihr Kind trinken, um seinen täglichen Eisenbedarf zu decken“. Aber muss ein Kind wirklich solche Massen an Milch trinken, um seinen Bedarf an Nährstoffen aufzunehmen?

Ab dem 2. Lebensjahr können Kinder ohne erhöhtes Allergierisiko auf normale Milch umsteigen (wobei sich da viele Experten streiten, ob in der ursprünglichen Nahrung von Menschen Kuhmilch vorgesehen ist). In Absprache des Kinderarztes ist bei stark allergiegefährdeten Kindern eventuell weiterhin Säuglingsnahrung oder Spezialnahrung ratsam. Die Aussage spezieller Kleinkind-Milchnahrungen oder 3er-Folgemilch, Kuhmilch habe zu viel Eiweiß, ist nur bedingt richtig – zwar hat Kuhmilch mehr als Eiweiß, als Kleinkindmilch, aber es muss die tägliche Gesamteiweißzufuhr beachtet werden. Für Kinder zwischen einem und drei Jahren wird eine tägliche Eiweißaufnahme von ca. 2,2 g pro kg Körpergewicht und Tag empfohlen. Zu viel Eiweiß kann den kindlichen Stoffwechsel und die Nieren überlasten. Ab dem 1. Lebensjahr zählt Milch nicht mehr als hauptsächliche Nahrung, sondern sollte wie jedes anderes Nahrungsmittel, welches Eiweiß enthält (Käse, andere Milchprodukte, Fleisch und Wurst), gesehen werden. Auch die Anreicherung von Eisen oder Jod ist nicht notwendig, da das Kind diese zum größten Teil im Rahmen der normalen Kost aufnehmen. Viele Milchnahrungsprodukte sind zusätzlich häufig mit viel Zucker und / oder mit Vanille- oder Fruchtaroma angereichert. Hat sich das Kind erst einmal an diesen süßen Vanille- oder Fruchtgeschmack gewöhnt, mag es oft normale Kuhmilch nicht mehr trinken. Aus diesem Grund sollte man darauf besser verzichten.

Eure Sabine





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